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RESÜMEE EINES SCHRIFTSTELLERS

Nichts mehr, was benannt wird. Denn wir sind vorsichtig geworden, sind umsichtig, im Reden wie im Schweigen. Auf diese Weise können wir gar nicht verlieren und haben alles unter Kontrolle, indem wir unsere Worte zügeln, indem wir nichts nach außen dringen lassen. Es ist die Stille zwischen den Wörtern, jene Stille, das als das Warten auf falsche Antworten erkannt wird. Und das ist sodann der größte Schmerz. Dieser Schmerz entsteht durch das ständige Warten auf die richtigen Worte, oder auf zumindest ein Lächeln. Verlegen wir den Austausch von Worten doch in die Nachmittage, verlegen wir sie in jene still tickenden Nachmittage, wo ein leichtes Dösen alles möglich macht und die Schläfrigkeit den Worten ihre Schärfe nimmt. Und dann, im vollen Vertrauen auf die Schwerelosigkeit des Augenblicks, könnten wir wie ein herabstürzender Bussard, das Ausgesprochene kurz packen, aufnehmen und forttragen: Metaphern anstelle von schallenden Wortkaskaden. Damit bleibt aber alles beim Alten. Und wir sehnen uns nur noch nach kalten Formulierungen, an denen wir letztlich haften bleiben. Wir könnten jedoch die Worte, ehe wir sie aussprechen, vertauschen, könnten andere, ähnlich klingende verwenden, könnten demnach Worte mit gänzlich anderer Bedeutung einschmuggeln, sodass wir fortwährend einander ähnelnde Worte aussprächen, Worte, die nicht zu unterscheiden wären. Doch vermutlich wären wir nicht in der Lage, derartige Worte auszusprechen, denn, gleichgültig, was auch immer wir sagten, entscheidend ist, dass wir, während wir einander ähnelnde Worte aussprächen, ohne zu zögern aufstünden. Alle Worte aber lägen, kaum ausgesprochen, vergessen abseits wie verdorrte Blumen. Es ist ein Kampf, das Liegenbleiben zu überwinden und aufzustehen, immer wieder aufzustehen mit der Gewissheit, letztlich doch verloren zu haben. Dennoch: aufgestanden zu sein bedeutet einen anderen, aber nicht geringeren Sieg. Denn es ist das Aufrechte, das uns den Kampf gegen verfälschte Worte gewinnen lässt. Also können wir fortgehen und uns, während wir aufbrechen, für die Stille entscheiden.

PETER MINIBÖCK1946 als Peter Iwan Zaiser in Wien geboren, lebt seit 1983 in Mödling-Hinterbrühl. Er schreibt Prosaund Lyriksowie Buchbesprechungen in Literaturzeitschriften. 1989 Anerkennungspreis für Literatur des Landes Niederösterreich.Mitglied des Österreichischen P.E.N.-Clubs, der Franz-Kafka-Gesellschaft, des Podium und der IG Autorinnen Autoren.

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