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Lebensabschnittspartner/in Baum

Vor zwei Jahren hat eine Frau in Italien sich selbst geheiratet und sich anschließend ganz allein und sehr glücklich mit sich selber auf die Hochzeitsreise begeben. Und sie ist nicht die einzige, die diese Form der Sologamie mit einer Ego-Hochzeit zelebriert. 

In Japan wiederum hält man es gar nicht für so unwahrscheinlich, dass man in Zukunft auch Roboter heiraten könnte. Warum auch nicht, verbringt man mit den technischen Freunden doch oft viel mehr Zeit als mit den biologischen.

Hierzulande allerdings ist noch immer vieles unmöglich. Wenn sich jemand zum Beispiel mit seiner Weihnachtstanne, seiner geliebten Jahreszeitabschnittsbegleiterin, sagen wir mal etwa verpartnern wollte, da möchte ich sehen, wie stockkonservative und weit im Wald rechts außen stehende Kräfte Widerstand bis zur letzten Nadel leisten. 

Dabei hätte eine solche Verpartnerung, von Ehe möchte ich ja noch gar nicht sprechen, viele Vorteile auch für den Staat und die Gesellschaft.

Da wäre mal und zuallererst die leidige Kostenfrage: In die Ausbildung einer Tanne muss der Staat – im Gegensatz zu Schülerinnen und Schülern, die eine Ausbildungspflicht bis 18 aufgebrummt bekommen haben – wenig oder gar nichts stecken. Baumschulen sind zumeist privat geführt und meist recht profitabel. 

Ausgediente Weihnachtsbäume wiederum werden meist sogar kostenlos abgeholt. 

Also: Weihnachtsbäume sind als Lebensabschnittspartner vergleichbar günstig und stellen auch dann keine besonderen finanziellen Ansprüche, wenn man sich von ihnen trennen will oder muss.

Von Aussteuer oder Mitgift kann gänzlich abgesehen werden. Auch von Schwiegereltern. 

Alles gute Gründe, die dafür sprechen, sich im Fall des Falles mit einem Baum oder einer Bäumin zu verpartnern oder verpartnerinnen. 

Baumpaten dürfen ja schon viele sein, aber auch Baumpartner? 

Ja, warum denn nicht, Herrgott oder Herrgöttin? Oder Fraugöttin? Oder was? Mein Gott!

Zurück zu Baum und Bäumin.

Verständlich, dass Standesbeamten der Satz: „Willst du diese junge Tanne zur Frau nehmen bzw. diesen Baum da zum Manne? Sie oder ihn lieben und ehren? usw. usf.“, völlig verständlich, dass dieser Satz eben noch nicht so leicht über die amtsbeeideten Lippen der oben genannten Standesbeamten und -beamtinnen kommt, aber das ist nur eine Frage der Zeit. Schulungen mit Baumritualcoaches jeglichen Geschlechtes oder auch ohne dasselbige werden dabei Abhilfe schaffen.

Feuerrituale allerdings wären wirklich geschmacklos gegenüber Bruder oder Schwester Baum, so viel ist sicher. 

Menschen, die sich mit ihren Koniferen zeitweise glücklich machen wollen, mögen vermutlich keine Kinder und somit fällt auch die leidige Frage der Adoption weg, bevor sie überhaupt gestellt wird. Kein Kind wird jemals deswegen traumatisiert sein, weil es einen Baum zum Elternteil hatte.

Wie bei allem im Leben soll man aber auch Baumpartnerschaften keinesfalls schönreden oder unterschätzen. 

„Mein Partner nadelt zu viel, er ist schlampig und lässt seine Nadeln überall herumliegen“, solche Klagen wird man dann hören können. 

„Der geht mir echt auf den Ast“, wird sich vielleicht der Baum denken. 

Und der menschliche Teil wird möglicherweise doch früher oder später mangelnde Kommunikation einklagen. Vorzeitiger Baumtod mittels Axt oder Säge könnte ein neues Delikt werden, der Initimozid erfährt vielleicht damit neue, interessante Varianten. Etwa durch unvermutet jäh umstürzende Bäume im Wohnzimmer. Oder in Form von Zimmerbränden, entfacht durch eifersüchtige Bäume oder bewusst nachlässig-rachsüchtige Menschen.

Früher war es hierzulande üblich, sich unter dem Christbaum zu verloben, vielleicht bald eben auch mit dem Christbaum bzw. bei Nichtchristen mit dem Lichterbaum. Man kann das auch als zivilisatorischen Fortschritt sehen, als evolutionären Quantensprung. Und vielleicht hebt es das Verständnis für Bäume, die ja unsere Mitgeschöpfe sind wie etwa Hunde und Nachbarn.

Menschenrechte für Christbäume – davon sind wir ja wohl noch jahrzehntelang entfernt, aber der Tag wird auch noch kommen. 

Und der bekannte, aber nicht unwesentliche Nebensatz: „Bis dass der Tod euch scheidet“ bekommt bei der Verpartnerung mit einem Christbaum seine recht gut absehbare und schnell einlösbare Gültigkeit:

Denn: Erst stirbt der Baum, dann der Mensch. 

Und so soll es auch bleiben. 

 

Autor Fritz Popp

FÜRCHTET EUCH RUHIG!

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