ÖSTERREICHISCHER SCHRIFTSTELLER/INNENVERBAND OESV 

 

Rezensionen von Paul Jaegs Buch "Glutdruck" aus der Zeitschrift "Literarisches Österreich" 2016/2  

 

Paul Jaeg  

GLUTDRUCK 

Arovell Verlag, Gosau-Salzburg-Wien 2015, 264 Seiten 

ISBN 978-3-902808-79-0 

 

Texte der Gruppe Sinnenbrand, bestehend aus den Autoren Peter Assmann (PA), Ferdinand Götz (FG), Richard Wall (RW) und Paul Jaeg (PJ) versammelt dieser Band. Dennoch handelt es sich dabei keinesfalls um eine Anthologie, sondern um die "Libretti" künstlerischer Performances, die an konkreten Orten (Ebensee, St. Pantaleon, Traunkirchen, Wels, Bad Ischl, Salzburg und Linz) stattfanden und außer Literatur auch bildende Kunst und Musik einbezogen. Die Initialen ordnen die einzelnen Dialogteile den jeweiligen Autoren zu. 

 

Sehr stark wird in den szenischen Lesungen das kollektive Element betont, wie in der Veranstaltung am 28.5.2011 in Ebensee: Wir sind das Gedicht, das durch den Körper geht,/ hinein in die staubigen Hosensäcke der/ Ziegelschupferinnnen/ hinein in die blauen Brusttaschen der Mechanikerinnen/ hinein in die Wasserkübel der Straßenfegerinnen/ hinein in die Tastaturen der Laptopbetreuerinnen 

In diesem Fall steht vor dem Text: ALLE. Als Regieanweisung, gewiss, aber durch das Fehlen der namentlichen Zuordnung "gehört" dieser Text eben tatsächlich der Gruppe und nicht einem Individuum. Rauheit und Sinnlichkeit, Unmittelbarkeit des Ausdrucks sprechen den Leser aus den Zeilen dieses Buches an. Die Themen sind vielfältig und gehen auf unsere individuelle und gemeinschaftliche Existenz ein: Tod, Heimat, Fremde, politische Willkür, die Stellung des Künstlers in der Gesellschaft. Oder auch die zum Scheitern verurteilte Utopie einer allgemeingültigen Erfassung und Reproduktion der Wirklichkeit. RW/ Es sitzt immer irgendwo einer und erzählt genau das Gegenteil von deiner in schönen Sätzen entworfenen Wahrheit. 

Und: Schreiben für wen? Zu schreiben auf Felsen - pinselgewandt - (...); Han Shan, der dies tat, für niemand und nichts, war ein großer Dichter, er saß im Vorhof seiner Höhle am kalten Berg und lachte, denn wie Lao Tse schon sagte: Nur wer wie das Wasser streitet mit keinem, ist ohne Leid. 

 

Unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu wirken steht der Gruppe Sinnenbrand allerdings fern (und bei manchen Themen erweisen sich die Dichter sehr wohl als streitbar). Die Überwindung der Grenzen zwischen Akteuren und Publikum ist laut den Regieanweisungen, die den Performances vorangestellt sind, von großer Bedeutung. Grenzüberschreitung in weiterem Sinn ist sicher auch ein wichtiges Wort als Thema und Methode der Gruppe. In ihren Auftritten nehmen die Autoren auf die jeweiligen Orte oder Veranstaltungssituationen Bezug, so z.B. in St. Pantaleon auf das dort in der NS-Zeit befindliche „Zigeuneranhaltelager“: FG/ Keine Schuhe, keine Strümpfe, keine Hose,/ ein im Eiswind flatterndes Hemd. Gebückt./ Atmet schwach. Daneben stand ein zweiter,/ wiederholte:/ Wir bauen ein Nest. Wie Wespen graben wir,/ fressen wir uns unters Fensterbrett./ Sprengen es, fressen die Mauer./ Köpfe fressen Löcher. (...) PJ/ Wenn ich vor dem Einschlafen/ versehentlich an Kammern/ für Folter denke,/ zwinge ich mich anschließend/ meine 50 Hölderlin-Zitate/ aufzusagen. 

In einer Inszenierung in Bad Ischl im Rahmen der Ausstellung "Der Erste Weltkrieg und die Folgen" montieren die Autoren historische Texte in die eigene mit hundert Jahren Abstand erfolgte Annäherung an das Unbeschreibbare. PA/ (...) Horch! Am Drahtverhau oben am Rand/ des Grabens zeigen sich Engel in ihrer Pracht./ 

Schleifen ihre Flügel am geborstenen Stahl./ Ziehen ihre goldenen Locken/ durch all die Spiralen/ aus stachelig rostigem Draht (...) 

Die Gräuel des Kriegs, die Klischees von der guten alten Zeit und vom guten alten Kaiser stehen unvermittelt neben rührend (oder auch erschreckend) banalen Briefen von der und an die Front. Thematisch verwandt (Grodek!) ist die Performance zu Georg Trakl, aufgeführt in Salzburg bei der langen Nacht der Museen unter dem Titel "Doppel Trakls Dämmerung". Aus der Perspektive von Trakls Diener Mathias Roth: (...) Und draußen, vor der Todesscheune,/ hingen die Erhängten. Ruthenen./ Wie riesige Fledermäuse hingen/ die Exekutierten an den Ästen (...) 

 

Mit Verkleidungen, Interaktionen und musikalischen Intermezzi brechen die Performer gewohnte Literaturrezeptionsmuster auf, sind Provokateure und Animateure ... Wir sind Luntenleger coram publico - mit Bleistift und Pinsel und Harmonika im Anschlag! 

Es fällt schwer, mit aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten einen Gesamteindruck dieses spannenden Buches zu vermitteln, das dem Leser kein gemütliches Zurücklehnen gestattet. In jeder Zeile wird die Live-Situation spürbar. Zahlreiche Fotos aus den Vorstellungen ergänzen diesen ungewöhnlichen Band. 

 

Wolfgang Ratz